Die ungefragte Generation

Wie schon beim Thema Gleichberechtigung ist auch dies eines der Themen bei denen mein Puls schnell nach oben geht und sich dort eine Weile aufhält. Es geht um die Generation, die jetzt zwischen 20 und 35 ist (ok, es sind eigentlich zwei Generationen) und sich unverschuldet in einer aussichtslosen Situation zu befinden scheint, insbesondere in den westlichen Industrienationen, vor allem der EU und USA. Sie müssen gegen den Müll ankämpfen, den eine unfassbar arrogante Generation hinterlassen hat und der nun zu explodieren droht.

 

Die EU ohne Ideologie

Bleiben wir in der EU und damit neben den USA dem schlimmsten Beispiel einer solchen „ungefragten“ Generation. Die EU in der aktuellen Form verdanken wir der Generation ab Helmut Kohl, die sich dann bis in die alt-68er erstreckt und einen einzigartigen Wandel vollzogen hat. Bei den alten „Revolutionären“ kam eine menschliche Schwäche so deutlich durch wie sie bei allen „Revolutionären“ durchkam: die Macht- und Geldgier. Ob Joschka Fischer oder andere alt-68er, sie alle glichen sich dem System an, das sie mal zu bekämpfen versuchten.

Das ist keineswegs eine Schmälerung der Verdienste dieser Generation, denn sie hat in einigen Bereichen viel Positives erreicht. Es ist auch keineswegs ein alleiniges Bashing der 68er, denn ihre Gegner damals, also die Konservativen waren bereits in dem Modus, in den die Weltverbesserer noch kommen sollten.

Diese zwei Fronten bildeten am Ende unsere aktuelle politische Landschaft und sie wuchsen in Boom-Zeiten auf, die geprägt waren vom aufkommenden Kapitalismus und dem Streben nach Wohlstand. Auf dieser Ideologie basierend wurde die EG bzw. später die EU geschaffen. Diese Ideologie war immer dominiert vom Kapital und dem Geld und ließ es über Jahrzehnte zu, dass Firmen zunehmend Politik machten anstatt von ihr kontrolliert zu werden. Alle großen Entwicklungen gingen einen rein wirtschaftlichen Weg und so ist es bezeichnend, dass sehr schnell nicht die offenen Grenzen zum Symbol für die europäische Idee wurden, sondern der Euro.

Die aktuelle Generation ist ideologisch schon längst Europa und zwar viel deutlicher als die Teilnehmer, die Europa geschaffen haben in dieser giftigen von der Finanzwelt dominierten Kultur. Es gab nie eine moralische Ideologie eines gemeinsamen Staates, denn die Idee eines europäischen Staates war immer nur eine wirtschaftliche.

 

Die Wirtschaft  als Politiker

Das schlimmste Konstrukt der westlichen Welt ist die Vermischung von Politik und Wirtschaft. Glaubt nicht ich sei ein linker Antikapitalist, denn ich bin sowohl beruflich als auch in meiner Einstellung alles andere als ein Antikapitalist. Dennoch müssen wir von dem Irrglauben abkehren, dass Konzerne oder gar Finanzmärkte die Priorität einer Gesellschaft sind. Unsere Abneigung dem Kommunismus gegenüber erhob die freie Wirtschaft auf einen Sockel, den diese nie verdient hat.

Die freie Wirtschaft bedeutet NICHT, dass nur der Wirtschaft Freiheit gewährt wird, sondern auch dass die selbige die Gesellschaft von ihrer Einflussnahme befreit. Inzwischen sind wir jedoch an einem Punkt, an dem die Wirtschaft die Politik fest im Griff hat und die Gesetze bestimmt. Diese Konstellation führte unter anderem in diese wirtschaftliche Katastrophe, in der wir uns befinden und die vor allem die ungefragte Generation ausbaden muss.

Die Finanzmärkte taten alles um die Kontrolle über sie zu verringern und wer glaubt dies habe sich geändert seit Beginn der Krise, der liegt daneben. Selbst während der Bankenrettungen liefen alle Lobbyisten in Berlin, Brüssel und London umher und versuchten die Hilfspakete mit so wenigen Bedingungen zu verbinden wie nur möglich. In Großbritannien beging man die historische Dummheit auf die schlimmste Branche zu setzen, die Finanzwelt. Inzwischen ist es so, dass das Land praktisch eine Geisel der Finanzwelt ist und sie nicht wissen wie sie sich befreien sollen, denn alternative Industrien wurden vernachlässigt. Und genau hier wären wir bei einer weiteren Eigenschaft, die die alte Generation ausmacht: Geltungsdrang!

 

Geltungsdrang

Es scheint so als sei der Wunsch in irgendeiner Form in die Geschichtsbücher einzugehen so groß, dass kein westlicher Politiker der alten Generation dem wiederstehen konnte. In Großbritannien war es der Wunsch zu zeigen, man sei zukunftsweisend und modern indem auf den hippen Bankensektor setzt und die „City“ ausbaut. In Deutschland waren dies andere Zugeständnisse, die man an die Wirtschaft machte oder wenn ihr ein kleines Beispiel haben wollt: eine Loveparade in Duisburg, durch die sich ein Bürgermeister profilieren wollte. Es finden sich unzählige Beispiele für Reformen, die vor allem davon geleitet wurden, dass die amtierenden Politiker ihre „Spuren“ hinterlassen wollten.

 

Vetternwirtschaft und fehlende Transparenz

Ich sehe euch alle vor dem Bildschirm mit dem Gedanken „jaja, die Griechen!“. Verwerft den Gedanken, denn Griechenland war lediglich das Extrembeispiel was passiert wenn die ältere Generation ein Land konstant plündert. Das gleiche System haben wir in jedem der westlichen Staaten, mal eleganter, mal weniger elegant. Ich bin beruflich inzwischen seit Jahren sowohl mit der Politik als auch mit der freien Wirtschaft in Kontakt und kann absolut reinen Gewissens sagen: auch wir sind voll von Vetternwirtschaft und Korruption, aber wir haben eine Kultur entwickelt, in der das Wort Korruption ausschließlich mit anderen Staaten in Verbindung gebracht wird. Inzwischen ist es in Gemeinden Gang und Gebe sich Aufträge zuzuschieben falls ein Parteifreund die passende Firma besitzt. Das was wir in vielen Branchen als Lobbyismus bezeichnen ist eine Schönfärberei für Korruption. Ein Posten im Vorstand eines Unternehmens zu dessen Gunsten man zuvor als Politiker entschieden hat IST Korruption, wird jedoch insbesondere von der alten Generation exzessiv betrieben (siehe Roland Koch, Wolfgang Clement usw.).

Ein noch extremeres Beispiel ist zu beobachten wenn aus der EU heraus gehandelt wird. Vor jeder EU-Erweiterung wird zunächst das potenzielle Mitgliedsland zu einem Ausverkauf gezwungen. Unter dem scheinheiligen Vorwand der freien Märkte (da sind sie ja schon wieder) wird das Land dazu gezwungen jedes brauchbare Unternehmen auf den freien Markt zu werfen. Ich habe lange die Angliederung Sloweniens beobachtet damals und innerhalb eines Jahres war jeder profitable Betrieb Teil einer westlichen Firma und das oftmals ohne zwingenden Grund. So überrascht es nicht, dass die politischen Marionetten im Fall von Griechenland zuerst danach schrien, das Land solle alle profitablen staatlichen Firmen verkaufen.

 

Nie an die Zukunft gedacht

Und hier ist das wahre Verbrechen der alten Generation. Während sie selbst fast ausnahmslos eine kostenlose Ausbildung genossen in einer Umgebung, in der Wissen einen hohen Stellenwert hatte, schafften sie genau diese Werte Stück für Stück ab wenn es um die junge Generation geht. Das Studieren wurde immer teurer und plötzlich „kostet gute Bildung“, ein Motto für das sich viele 68er früher selbst verprügelt hätten. Insbesondere in Deutschland wurde in die Bildung beinahe nichts investiert und schon gar nicht kam es zu Reformen. Da gibt es in NRW eine Ministerpräsidenten, die sich damit rügt, dass man den Schulfrieden geschaffen habe. Dabei ist dieses ekelhafte Wort nur eine Marketingerfindung um die Tatsache zu vertuschen, dass man ein marodes Schulsystem noch weiter zementiert hat. Ein System in dem Haupt- und Realschüler zunehmend keine Chance mehr bekommen auf dem Arbeitsmarkt, weil vor allem Hauptschüler praktisch gebrandmarkt sind. Hier werden politische Ideologien einmal mehr auf dem Rücken neuer Generationen ausgefochten.

Noch schlimmer wird es dann im Berufsleben, denn die Politik der letzten Jahrzehnte in Europa schaffte nun ein Klima und vor allem auch rechtliche Bedingungen, in denen wir eine Armada an Dauerpraktikanten ohne Job haben und niemand scheint sich dagegen zu wehren. Die jungen Arbeitnehmer haben Angst und die anderen profitieren von dieser Ausbeutung. Die von der Wirtschaft verursachte Finanzkrise wurde auch noch in vielen Ländern belohnt, indem man die Arbeitnehmerrechte beschnitt. Die Politik agierte in den letzten Jahrzehnten wie eine AG. Sie dachte nur an die Jahresbilanz (oder die 4-Jahres-Bilanz) und nie an die „ferne“ Zukunft.

 

Zum Schweigen bringen

Das wichtigste Motto der alten Generation…es gibt ein paar klassische Phrasen, die man sich in der deutschen und allgemein westlichen Politik immer anhören darf.

1. Bei Kritik an den Beschränkungen von Arbeitnehmerrechten oder bei Ausbeutung durch Praktika – „wir müssen flexibel bleiben, alles andere verlangsamt uns“. – Absoluter Unsinn, denn kostenlose Praktikasklaven oder verunsicherte Arbeitnehmer waren noch nie förderlich für den Konsum.

2. Bei Kritik an der Europapolitik ob an der vergangenen oder der aktuellen (also der katastrophalen Krisenbewältigung) – Man wird hier sofort als europafeindlich bezeichnet und alles was an der aktuellen Politik kritisiert wird, wird dann noch einmal mit der „akuten Gefahr“ niedergeschmettert. Man könne sich ja später darüber unterhalten.

3. Wagt man sich etwa das Wort Korruption im Zusammenhang mit deutscher Politik zu nennen wird einfach so getan als würde man anfangen zu pöbeln – „Jetzt werden Sie unsachlich“

Dies sind nur die Top-3. Es gibt unzählige Phrasen, die zum Repertoire der westlichen Politiker gehören. Die zynischsten dabei sind über europäische Einigkeit und europäische Gemeinsamkeiten.

 

Wer ist gefragt?

Die jüngere Generation muss endlich aufhören sich in das System integrieren zu wollen sondern neue Wege gehen. Falsch ist dabei die Wahl unproduktiver populistischer Parteien (und ja, ich meine die schicken Piraten, dessen Gegenwert für mich stark gegen NULL tendiert), richtig hingegen die TAT.

In den USA sehen wir zunehmend ein etwas anderes System, das aus dem Silicon Valley herausgeht. Firmen haben neue Arbeitswelten geschaffen, die nicht mehr außer Acht lassen, dass wir auch ein Wohlempfinden haben. In Europa gilt es aber auch die politische Ausrichtung zu verbessern. Der europäische Binnenmarkt reicht aus für ein stabiles und solides Europa, aber er reicht nicht aus, wenn wir uns weiter Firmen beugen. Dabei haben auch wir alle Verantwortung, weil wir Entscheidungen treffen. Wenn ihr euch darüber beschwert, dass auf der Welt ausgebeutet wird, dann investiert nicht in Aktien und Produkte von Unternehmen, die dazu beitragen.

Was wir brauchen ist ein Pragmatismus, eine Vernunft, die einen ernsthaften Weg aufweist, bei dem die Menschen wieder in den Mittelpunkt rücken, aber bei wir nicht die aktuelle Welt abreißen müssen!

 

Wieso ungefragt?

Nun ja, diese Frage habe ich wohl noch immer nicht beantwortet. Wir sehen eine Generation, die niemand nach ihren Wünschen oder Werten gefragt hat. Eine Generation, die ein vereintes Europa will, weil sie sich als Europäer ansehen. Eine Generation, die nur bedingt persönliches unendliches Reichtum als das ultimative Ziel ansieht und zunehmend auch auf die berühmte Work-Life-Balance achten möchte. Diese Generation wird einsehen müssen, dass sie von ihren Vätern und Großvätern verraten wurden und ihre Zukunft auf dem Flohmarkt verscherbelt wurde.

Es wird Zeit die Väter zum Schweigen zu bringen, doch genau dieses Selbstbewusstsein hat man der jungen Generation versucht zu rauben! Hoffnungslosigkeit sollte sich nicht breit machen, aber auch in der jüngeren Generation gibt es potenzielle Anführer, die nun Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen müssen.

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