Affiliate Welt: Fast Underground

Ich konnte gar keinen anderen Titel wählen und auch an keinen anderen Titel denken seit ich die aktuelle Ausgabe der Brand Eins gelesen hatte. Bis heute mein absolutes Lieblingsmagazin und das dürfte es wohl auch auf längere Sicht hin auch bleiben (Konkurrenten werden dennoch bald vorgestellt), aber etwas zu mögen darf nicht zum Fehler führen zu denken, es sei fehlerfrei. In diesem Fall kam es tatsächlich zu einer kleinen Enttäuschung als ich mich durch das Titelthema „Geld verdienen im Netz“ las. Ein Thema, das beispielsweise auch mich extrem betrifft.

Die Artikel zum Thema an sich waren alle wie immer gut geschrieben und die Recherche war sauber, ABER ein Thema wurde praktisch nicht behandelt und zwar die der Affiliates. Eines der spannendsten Themen und in meinen Augen eine Millionen, wenn nicht Milliarden schwere Industrie inzwischen und dennoch berichtet niemand darüber. Daher kam mir auch der Gedanke: warum berichtet niemand? Die Antwort ist so einfach wie logisch, die Welt der Partnerprogramme (das deutsche Wort für Affiliateprogramme) scheint auf den ersten Blick langweilig zu sein. Schließlich haben hier sogar informierte Journalisten offenbar Blogger im Kopf, die ihre ganze Seite mit Links und Bannern zukleistern bis es praktisch keinen Inhalt mehr gibt. Doch genau das ist eine absolute Fehleinschätzung.

 

Das versteckte Geld

Im Affiliatebereich entwickelte sich ein riesiges Geschäft rund um Partnerprogramme denn alles was man übers Internet verscheuern kann, wird auch als Affiliateprogramm angeboten. Die meisten dürften nun denken ich würde übertreiben, aber dieses Geschäft hat sich schon längst in den Alltag von euch allen geschlichen. Ihr sucht Infos zu Kreditkarten, beispielsweise ob es eine Kreditkarte gibt, die keine Kontogebühren hat? Dann dürften unter den ersten 5 suchergebnissen mindestens 2-3 reine Partnerprogramm-Seiten. Ihr bekommt die Info, die ihr sucht, aber wenn ihr euch eine Kreditkarte über den Link auf der Seite holt, dann hat der Webmaster seine Provision. Selbiges passiert euch bei Versicherungen, einigen Modeblogs, fast allen Dingen, bei denen ihr einen Vertrag abschließt, teure Elektronik kauft usw usw.

 

Sie sind immer bei euch

Versucht gar nicht erst einen Bereich zu finden, in dem es KEIN Partnerprogramm gibt, denn diesen gibt es kaum. Vom sauberen Geschäft wie Babyzubehör (ok, dass kann auch mal „in die Hose gehen“) bis zu Pornoseiten, Jobbörsen und Partnerbörsen, die Partnerprogramme sind überall. Selbst die großen Preisvergleichsseiten sind natürlich nichts anderes als Affiliateseiten, ebenso die bekannten Seiten, die Testergebnisse sammeln oder die meisten „Beratungsseiten“.

Wer jetzt paranoid vor dem Rechner sitzt, der ist im Unrecht, denn wirklich schlecht ist nichts an Partnerprogrammen und Webmastern, die passende Seiten betreiben. Natürlich gibt es noch immer die reinen Trash-Seiten, die einfach eine große Menge an Werbung haben, aber inzwischen haben viele solcher Seiten qualitativ hochwertigen Inhalt, denn nur wer selbigen anbietet setzt sich auch langfristig durch. Damit verändern solche Angebote auf Dauer unsere Medienlandschaft und zwar im Untergrund (welche grandioser Bogen zum Titel!), denn Medien, Information, Tests oder einfach PR bleiben nicht mehr den klassischen Medien vorbehalten.

 

Hauptwaffe: Google

Das ist oftmals die Waffe ihrer Wahl, wenn man die Webmaster fragt. Ein Großteil dreht sich um Suchmaschinenoptimierung, also die Manipulation der Suchergebnisse bei Google um bei wichtigen Suchbegriffen oben zu erscheinen. Das Wort Manipulation darf hier nicht negativ bewertet werden, denn es gibt eh keine objektive Beurteilung über die Qualität eines Artikels, ob dieser nun bei einem renommierten Onlinemagazin erscheint oder auf einer Affiliateseite. Man muss Google als die Haupteinkaufsstraße sehen, auf der jeder versucht in die erste Ladenreihe zu kommen. Die Google Adwords dürften dabei die einzigen festen Mietverträge sein.

 

Die verlogenen  Medien

Die Medienhäuser weinen meist lauter als alle anderen, aber im Grunde genommen ist die Trauer nichts anderes als das Betrauern eines vergangenen Monopols als nur reine Medienhäuser in der Lage waren Massen an Lesern zu haben. Der Normalo war außen vor, unwichtig wie gut er oder seine Ideen waren. Nun können aber diese Kreativen auch ohne riesige Budgets den Fuß in die Tür bekommen. Die Medienhäuser waren es gewohnt, dass sie hohe Summen für Bannerplatzierungen auf den Seiten bekommen und mit hoch meine ich auch wirklich außerhalb des realistischen Gegenwertes. Sie waren dabei in Verhandlungen immer nur bereit so weit zu gehen, dass sie den Banner einbauen und das war es an ihrer Verantwortung.

Die Webmaster, die aus dem Affiliatebereich kommen sind am Erfolg beteiligt, also tragen sie auch mehr Verantwortung und so werden Inhalt, Kommunikation und vieles mehr auf den Sale zugeschnitten, schließlich gibt es nur Geld bei Verkauf. Die Medienhäuser reagieren bis heute mit großer Arroganz und mit Aussagen über Unabhängigkeit, aber aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen: diese Branche ist in keinem Bereich frei von Prostitution und so lassen sich Beiträge auf beiden Seiten kaufen, nur dass die Affiliateseite dazu steht.

 

Die Meister der Branche

Man glaubt es kaum, aber die wahren Meister dieser Branche sind Affiliates aus dem Glücksspiel-Bereich. Unter ihnen gibt es einige, die 5- oder 6-stellige Summen im Monat verdienen ob mit Sportwetten-, Poker- oder Casinoseiten. Das System in diesem grauen Markt ist für die Partner das profitabelste, denn sie verdienen oftmals am ganzen Kundenzyklus. Das heißt: meldet sich ein Kunde über ihren Link an, sind sie lebenslänglich an den Verlusten des Kunden beteiligt. Ich war auf vielen Messen der Glücksspiel-Partnerprogramme und wer sehen will wie viel Geld hier im Umlauf ist, sollte sich eines der Messen anschauen. Sicherlich gibt es dabei auch den Las Vegas Hinterzimmer Halbmafiosi zu sehen, aber diese Personen sind inzwischen eine aussterbende Art. Moderne Glücksspielkonzerne sind Hightech-Unternehmen, die wahre Experten der Kundenbeeinflussung sind.

 

Der alternde Staat

Dies ist die vielleicht älteste Diskussion, die ich mit einem Freund führe. Er hatte einmal mitbekommen, dass viele der Webmaster den Sitz ihrer Firma im Ausland haben oder gar komplett „im Untergrund“ arbeiten. Meine Erfahrung war, dass viele von ihnen schlicht und ergreifend keine Lust hatten vor einem gänzlich überforderten Finanzbeamten zu stehen, der ihnen Steine in den Weg legt und zwar ausschließlich, weil er nicht versteht womit sie ihr Geld verdienen.

Das soll keineswegs eine Entschuldigung sein für die Steuerflüchtlinge, aber auch hier muss ich sagen: Gelegenheit macht Diebe. Hätten wir keinen Staat, der in seiner Überregulierung in den 90ern stecken geblieben wäre, dann würde sich dieser Staat auch nicht so leicht hintergehen lassen. Hier würde es viele Gelegenheiten geben neue Arbeitsplätze und vor allem Steuern zu generieren, aber der Staat ist vor allem damit beschäftigt die großen Konzerne zu schützen und schnelles Reagieren war bekanntlich noch nie eine Stärke unserer Politik. Hinzu kommt vor allem der Schutz sinnloser bzw. arbeitsloser Juristen, die ihr Geld mit Abmahnungen verdienen. Warum sollte man sich dieser nutzlosen Spezies ausliefern, wenn man es nicht muss? Viel wichtiger wäre hier sogar die Frage: Warum schützt der Staat potenzielle Startups nicht vor solchen Schädlingen?

[box title=“Die Zukunft“ color=“#f00″]

Auch diese Branche wird sich verändern. Ich beobachte immer mehr traditionelle Medien, die sich bei Partnerprogrammen versuchen. Gleichzeitig steigt zunehmend der Einfluss, den nicht-traditionelle Portale haben, die rein mit Partnerprogrammen groß wurden. Wir sehen im Hintergrund auch eine große Aufkaufwelle der Affiliateseiten durch große Medien. Dieses Thema ist erst in den Anfängen, aber wer Teile davon sehen möchte, sollte sich einmal Messen wie die dmexco in Köln ansehen (September) oder eben gleich eine der Glücksspielbezogenen (hier geht es allerdings deutlich verrückter zu)!

Ein weiterer extrem wichtiger Punkt für diese Branche dürfte Content-Marketing werden. Dieser Bereich ist in den USA bereits sehr groß. Dabei werden Themenportale aufgebaut und von Firmen betrieben, die nur sekundär ihre Produkte darauf präsentieren. Erfahrungen der Affiliates sind hier Gold wert. Das Ziel von Content-Marketing ist Vertrauen des Kunden und ein präziseres Brand-Image.

Ich stehe gerne Frage und Antwort wenn jemand von euch Interesse an tiefergehenden Details hat, denn dieses Thema füllt Bücher und ist ein riesiger Markt! Ich betone sogar, dass der Artikel lediglich eine Mini-Übersicht gibt, insbesondere wenn es um die Methoden geht, mit denen solche Seiten aufgebaut werden. Schade, dass es bis heute nicht mit dem verdienten Respekt behandelt wird.

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